Dienstag, 4. Januar 2011

„Zweimal Kiew und zurück bitte.“

In Deutschland ist man wohl wieder zum Alltag übergegangen: Der Weihnachtsstress ist vorüber, die Süßigkeiten sind bald aufgegessen und vielleicht sind sogar schon die ersten Weihnachtsbäume aus den Wohnzimmern verschwunden. Hier in der Ukraine hat man von alldem nichts mitbekommen. Dem Julianischen Kalender ist es zuzuschreiben, dass erst in der letzten Woche die Weihnachtsbäume aufgestellt wurden und sich die Weihnachtsstimmung durchsetzen kann.

Und weil eben die Tage, die in Deutschland ausgiebig mit den Lieben verbracht und für die gemeinsame Zeit und gemeinsames Essen genutzt werden, sich hier nicht von anderen im Jahr unterscheiden, war der Entschluss, Lugansk für dieses besondere Wochenende zu verlassen und die Hauptstadt der Ukraine zu besuchen, schnell gefasst.

Die Fahrkarten für eine solche Reise mit dem Zug müssen bereits zwei Wochen vor Fahrtantritt direkt am Bahnhof gekauft werden. Tatsächlich werden dann die Karten knapp: So gab es auch nur für die Hinfahrt noch Fahrkarten im Kupé, einem Vier-Personen-Schlafabteil. Für die Rückfahrt waren nur noch Karten für den Großraum verfügbar.

Es ist Heiligabend 16:30 Uhr: Ankunft am Bahnhof Lugansk - der Schnellzug „Lugansk – Kiew“ steht auf Gleis 1 bereit. Im letzten Wagon befindet sich das gebuchte Abteil – ein Kupé (russ.:  купе) – ein Abteil mit Betten für vier Personen. Bettwäsche und ein Handtuch liegen in Kunststofftüten verschweißt auf den Pritschen. Nachdem die Betten bezogen sind, genießt man den ersten Tee, verbringt die Zeit mit gemeinsamem Essen, Erzählen und Lesen. Immerhin wird der Zug erst 16 Stunden später – um 08:50 Uhr – den Bahnhof Kiew erreichen.
Da sich die beiden Damen, die die unteren Betten bezogen haben, bereits gegen 20:00 Uhr schlafen legen, beschließe ich, mich auch fertig zu machen und dann noch etwas zu lesen. Auf dem Weg zur Toilette teilt mir ein im Flur stehender Herr mit, dass die Toiletten erst nach dem Passieren der zwei folgenden Bahnhöfe wieder geöffnet werden. So bestätigt sich meine Vermutung: Die Toiletten werden verschlossen, um die Bahnhöfe nicht zu verschmutzen.
Bei dichtem Nebel, Wolken und Nieselregen erreichen wir am nächsten Morgen kurz vor neun Uhr den Bahnhof Kiew. Die gesamte Stadt ist in einen dichten Schleier gehüllt. Nichtsdestotrotz: Als erstes geht es natürlich die drei Stationen mit der Metro zum Chreschtschatyk – der zentralen Straße in Kiew – sowie dem angrenzenden Majdan, der durch die Proteste der Orangefarbenen Revolution Bekanntheit erlangte.
Von dort aus kann man zu Fuß viele Sehenswürdigkeiten erkunden. Wem der ein oder andere Weg doch zu lang ist, der kauft für 2 UAH (knapp 19 Ct.) einen Einzelfahrschein für die Metro oder nutzt die Busverbindungen.
Kiew ist eine herrliche Stadt. Der besondere Charme ergibt sich für mich aus dem Zusammenspiel slawischer Tradition, sozialistischem Klassizismus und neuen europäischen Akzenten. Zweiteres prägt das Erscheinungsbild besonders der mächtigen Gebäude im Zentrum der Stadt, deren Farbe am Abend durch die Beleuchtung des gesamten Chreschtschatyk von grau in warmes gelb wechselt. Bevor wir das allerdings genießen können, geht es in Richtung Norden zu Sophienkathedrale und Michaelskirche. Aus dem dahinter befindlichen Park wäre der mächtige Dnepro zu sehen, wäre er nicht am Vormittag durch dichten Nebel verdeckt. Etwas weiter nördlich beginnt der alte Stadtteil "Podil". Besonders auffallend: Ein ganzes Areal alter Gebäude, die durch die Sanierung in den letzten Jahren buchstäblich in neuem Glanz erstrahlen. Auf der gegenüberliegenden, der östlichen Seite des Flusses sind die Plattenbauten nicht zu übersehen. Sie prägen das Panorama hinter dem Dnepr - dieses Gebiet wurde erst im 20. Jahrhundert erschlossen. Durch die Parkanlagen, die sich auf den Hügeln am Ufer des Flusses befinden geht es zurück ins Zentrum, um dort Majdan und Chreschtschatyk in weihnachtlicher Atmosphäre zu genießen.
Im Weihnachtsgetümmel spazieren wir den Chreschtschatyk einmal hinunter und wieder hinauf um uns dann auf den Weg zurück zum Bahnhof zu machen.
Im Zug beziehe ich einen oberen Schlafplatz in einem Wagon mit 54 Plätzen. Gegen diese Art der Reise war die "3. Klasse" der pure Luxus: Die Betten hier sind schmaler und kürzer als jene im Kupé. Nicht nur, dass man die Beine nicht ausstrecken kann: Es gibt auch keine Möglichkeit, sich hinzusetzen, denn der Platz über dem Bett genügt mit etwa 60 cm nur zum Liegen. Empfehlenswerter sind also die unteren Plätze, die zudem mit dem Stauraum unter dem Bett verhindern, dass während der Nacht die Habseligkeiten den Besitzer wechseln.
Besonders angenehm ist die Ruhe am Morgen. Es sind nach dem Aufstehen noch drei Stunden bis zur Ankunft am Bahnhof. Einige Mitreisende schlafen noch, andere sitzen sich gegenüber, trinken Tee und erzählen. Ich klappe das Buch zu, weil ein Sitzplatz am Fenster frei geworden ist. Mit einer Tasse Tee und den letzten Keksen setze ich mich, schaue aus dem Fenster und versinke in tiefe Gedanken, während wir das Donezbecken durchqueren.

Da ich mit dem Bericht wieder spät dran bin, hat mittlerweile das neue Jahr begonnen. Auch in der Ukraine. Allerdings wird es hier etwas anders gefeiert: Für die meisten ist es in erster Linie ein Familienfest. Es wird viel gekocht, gebacken, gegessen und gefeiert. Und es gibt Geschenke. Dadurch verliert das orthodoxe Weihnachten, was erst an diesem Donnerstag in den Familien mit gemeinsamem Essen eingeleitet wird, etwas an Bedeutung.

Eines ist allerdings genau wie in Deutschland: Zum Jahreswechsel geht man um Mitternacht auf die Straße; man jagt jede Menge Knallkörper in die Luft und wünscht sich gegenseitig und für sich selbst viel Gesundheit und ein erfolgreiches neues Jahr.

Und so wünsche ich auch den Lesern des Blogs einen guten Start in das Jahr 2011, Gesundheit,
neue Erfahrungen und Zeit, sie zu genießen. З Новым Роком!

Sonntag, 5. Dezember 2010

Ankunft in Lugansk

Nach vier Wochen Aufenthalt in Lugansk ist der Titel des ersten Berichts wohl nicht ganz glücklich gewählt. Es gäbe bereits viele Eindrücke zu schilden - so sind nicht nur die ersten und wichtigsten Teile der Infrastruktur längst erkundet und die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt: Auch die Stadt ist nicht mehr ganz fremd und an die Kultur gewöhnt man sich auch mehr und mehr. Endlich also ein Lebenszeichen und es wird wirklich Zeit, den ersten Bericht abzuliefern:

Waren die ersten zwei Wochen noch einigermaßen entspannend und ließen Zeit für das Eingewöhnen, hatte es die letzte Woche doch in sich. Bis die Sprachkenntnisse auf einem gut nutzbaren Niveau angekommen sind, gibt es sonst mal etwas mehr, mal etwas weniger zu tun – viel Zeit widmen wir dem Austausch mit Schülern, Studenten und Mitarbeitern von Schulen und Einrichtungen, die mit dem Roten Kreuz zusammenarbeiten sowie den übrigen Bekannten.

Die Reise hierher – in das etwa 2200 km entfernte Lugansk – hat insgesamt 18 Stunden in Anspruch genommen. Das ging vergleichsweise schnell, bedenkt man, dass mit dem Zug aus Lugansk die Reise in die Hauptstadt 16 Stunden, die Reise nach Odessa sogar bis zu 20 Stunden dauert. Aber das ist „normal“.

Aus der Heimatstadt Genthin ging es zum Flughafen Berlin/Tegel, mit dem Flieger weiter nach Riga und nach kurzem Aufenthalt auf einem vollkommen von Nebel umhüllten Flughafen, an dem am 08. November nicht ein einziger Baum noch ein Blatt trug, weiter nach Kiew. Hier sah man zu gleicher Zeit am Flughafen Borispol bei angenehmen 16° C noch viele bunte Blätter an den Bäumen und die Menschen teilweise in kurzer Kleidung. Die Terminals glichen Bahnhofshallen, die nur über einigermaßen holpriges Gelände zu erreichen sind. Nach sieben Stunden Aufenthalt ging es erst am Abend mit der zweiten Freiwilligen, die ihren Dienst beim Roten Kreuz in Lugansk ableistet, weiter zum Zielflughafen: Lugansk.

Meine Unterkunft hier ist ein gemütliches Zweimannzimmer in einem Wohnheim, dass zur angrenzenden Berufsschule gehört. Die Einrichtungen sind auf die notwendigsten Funktionen beschränkt. Dafür gibt es Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe.

Für die übrigen Entfernungen nutzt man typischerweise Marschrutki, Kleinbustaxis, mit denen man für pauschal 1,75 Hryvnia (knapp 16 Ct.) auf der jeweiligen Route durch die gesamte Stadt kommt. Alternativen sind die Straßenbahn, der Trolleybus (elektrisch angetriebene Oberleitungsbusse), der herkömmliche Bus und das Taxi.

Für die Benutzung der Marschrutki sind Grundkenntnisse der russischen Sprache unabdingbare Voraussetzung, denn die Haltestellen sind zwar oft als solche gekennzeichnet, tragen jedoch keine Namen. An einen Plan, auf dem die Routen oder Haltestellen oder gar deren Namen dargestellt wären, ist hier schon gar nicht zu denken. Sagt also jemand: „Nehmen Sie die 117 zur Haltestelle Kokulni Theater“, so ist der nutzbare Wert dieser Aussage – anders als in Deutschland – ausgesprochen gering. Von einer Situation, in der man lediglich den zu erreichenden Ort kennt, ganz zu schweigen.

Nach 40 Minuten Fahrt quer durch die Stadt komme ich an einem Gebäude vorbei, dass ich mir bei der letzten Fahrt als Zeichen für die nahende Haltestelle gemerkt habe. Also schnell nach vorn gedrängelt und beim Überreichen der 1,75 Hryvnia den Fahrer nach dem Namen der Haltestelle gefragt. Sein Gesichtsausdruck entspricht meinen Erwartungen und er nuschelt entsprechend desinteressiert den Namen der Haltestelle. Trotz seiner Ungeduld frage ich also noch einmal nach und verstehe: „плошадь ленина“ (Leninplatz). Ich wiederhole, warte auf sein Nicken und steige aus. Das muss ich mir jetzt nur noch merken, oder beim nächsten Mal hoffen, dass ich einen Sitzplatz habe und damit in der Lage bin, das Gebäude, das mir Hinweis für die nahende Haltestelle ist, zu sehen.
Das ist wohl, was man unter "Kulturschock" versteht. Komischer Typ, dieser Deutsche, der nur wenige Brocken Russisch spricht, die Namen der Haltestellen nicht kennt und alles immer sooo genau wissen will. Warum nur?